Betreff: Billiglöhne auf Rädern – und wir riskieren die Zukunft des Rheinlands

Posted by Daniel.Giel
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Peter Berger, Chefreporter des Kölner Stadt-Anzeigers, gehört zu den renommiertesten Beobachtern der rheinischen Verkehrsinfrastruktur. Wie kein anderer Journalist deckt Peter Berger seit Jahren konsequent Misssstände im Transportgewerbe auf. Seine Recherchen sind regelmäßig Grundlage für Diskussionen im Deutschen Bundestag.

Auf seinen vielbeachteten und treffenden Kommentar mit dem Titel „Die Unsichtbaren auf der Autobahn – Wie Europas Preiskampf Trucker ins Elend treibt„, der am 18. November 2025 im Kölner Stadt-Anzeiger erschien, haben wir mit dem nachfolgenden Leserbrief reagiert.

Betreff: Billiglöhne auf Rädern – und wir riskieren die Zukunft des Rheinlands

Sehr geehrter Herr Berger,

Ihr Artikel „Die Unsichtbaren auf der Autobahn“ beschreibt ein System, das nicht nur die Fahrer, sondern auch die wirtschaftliche Basis unserer Region gefährdet. Jeden Tag pendeln leitende Beamte der Kontrollbehörden nach Köln und Bonn, fahren an hunderten parkenden Lkw mit osteuropäischen Kennzeichen an den Raststätten des Kölner Autobahnrings vorbei – und sehen weg. Oder müssen wegsehen. Die Politik tut nichts. Fünf Jahre nach dem Mobilitätspaket ist die Lage schlimmer als je zuvor.

Besonders bitter: Es gab leitende Beamte, die sich mit großem Engagement für Kontrollen und faire Bedingungen eingesetzt haben. Mit ihnen hatten wir einen ständigen Austausch, der für beide Seiten wertvoll war – praxisnah, lösungsorientiert und konstruktiv. Doch diese Menschen wurden vor wenigen Jahren, nach dem vorletzten Regierungswechsel, still und leise versetzt, andere sind in diesem Jahr in den Ruhestand gegangen. Mit ihnen verschwindet nicht nur Know-how, sondern auch die Bereitschaft, Probleme gemeinsam anzugehen. Zurück bleibt ein System, das Regeln kennt, aber niemanden mehr hat, der sie durchsetzt.

Hinzu kommt: Die Mauteinnahmen sprudeln – sie haben sich inzwischen nahezu verdoppelt. Der Staat verdient an jedem Lkw, unabhängig davon, ob der Fahrer für 70 Euro am Tag schuften muss oder ob er nach Tarif bezahlt wird. Während die Einnahmen steigen, bleibt die Kontrolle aus. Das ist ein System, das fiskalisch funktioniert, aber sozial versagt.

Doch die entscheidende Frage lautet: Wer profitiert von diesem Elend?
Die deutschen Spediteure? Sicher nicht – sie verlieren im ruinösen Wettbewerb. Die Verlader? Auch kaum. Transportkosten sind ein verschwindend geringer Teil der Wertschöpfung: Ein Sattelzug voller Gummibärchen kostet für 200 km rund 350 bis 400 Euro, während die Ladung fast 200.000 Euro wert ist. Billigtransporte senken Endpreise nicht spürbar.
Die osteuropäischen Spediteure? Ebenfalls nicht. Sie liefern sich einen gnadenlosen Preiskampf, bei dem Diesel, Maut, Fahrzeugkosten und Versicherungen für alle gleich sind. Bleibt nur ein Stellhebel: die Personalkosten. Und genau hier liegt das Problem. Die Fahrer zahlen den Preis – mit ihrer Gesundheit, ihrer Würde und oft ihrer Existenz.

Der größte Gewinner ist der Staat, weil die Mauteinnahmen kontinuierlich steigen und durch die CO₂-Komponente weiter wachsen. Er verdient an jedem Lkw, unabhängig von den Arbeitsbedingungen, während Milliarden in den Haushalt fließen und die soziale Verantwortung völlig ignoriert wird – ein System, das wie gesagt fiskalisch funktioniert, aber für die Menschen scheitert.

Die Mitgliedsunternehmen der Transportunion im Städtedreieck Köln, Bonn und Troisdorf schaffen gute und gutbezahlte Arbeitsplätze vor Ort, zahlen Steuern und Abgaben, die direkt in die Gemeindekassen fließen. Mit diesem Geld werden auch die Rastplätze finanziert, auf denen die Billigkonkurrenz steht – Unternehmen, die keinen Sitz in Deutschland haben und keinen Cent zu diesen Kosten beitragen. Das ist nicht nur unfairer Wettbewerb, das ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die sich an Recht und Gesetz halten.

Und das betrifft nicht nur die Transportbranche. Köln ist einer der wichtigsten logistischen Standorte Europas: Hier kommen alle fünf Verkehrsträger zusammen – Straße, Schiene, Wasser, Luft und Pipeline. Logistik ist das Rückgrat der Industrie. Wenn wir zulassen, dass faire Unternehmen verschwinden, weil sie sich gegen ein System der Ausbeutung nicht behaupten können, dann beschleunigen wir die Deindustrialisierung im Rheinland. Wir verlieren nicht nur Werke wie Ford und Zulieferer, die Chemieindustrie steht unter Druck – und jetzt auch die Transportlogistik. Ohne sie bricht die gesamte Wertschöpfungskette.

Wir alle profitieren von vollen Regalen und schnellen Lieferungen. Aber zu welchem Preis? Wollen wir wirklich ein System akzeptieren, das Menschen zu Autobahn-Nomaden macht, während wir bequem online bestellen?

Ein weiterer Aspekt wird oft übersehen: Unsere hiesigen Unternehmer müssen ihre Lkw voll auslasten, um kostendeckend fahren zu können. Die Konkurrenz aus Osteuropa kann sich durch extrem niedrige Personalkosten leisten, auch mit Teilpartien unterwegs zu sein. Das führt nicht nur zu einem unfairen Wettbewerb, sondern auch zu einer erheblichen Erhöhung des CO₂-Ausstoßes je transportierter Tonne – und entlarvt den vorgeblichen Klimaschutz als reine Theorie.

Es ist Zeit, dass Politik und Behörden handeln – nicht mit halbherzigen Vorschriften, sondern mit konsequenter Kontrolle und fairen Regeln. Sonst fahren wir sehenden Auges in den nächsten sozialen und wirtschaftlichen Kollaps.

Vielen Dank für Ihren Beitrag zu diesem wichtigen Thema. Vielen Dank für Ihren unermüdlichen Einsatz zu diesem Thema!

Mit den besten Grüßen,

der Vorstand der Transportunion e.V.

Sabine Baumann-Duvenbeck, geschäftsführende Gesellschafterin Viktor Baumann Gmbh & Co. KG, Bornheim

Harald Braschoß, Partner der BWLC GmbH Steuerberater Rechtsanwälte, Sankt Augustin

Frank Brüssel, geschäftsführender Gesellschafter der Stephan Service GmbH, Bonn

Stefan Düren, geschäftsführender Gesellschafter der Mathias Düren Transport GmbH & Co. KG, Bonn Bad Godesberg

Daniel M. Giel, geschäftsführender Gesellschafter der abagonia GmbH – Die Speditionsexperten, Köln

Andreas Schlimgen, geschäftsführender Gesellschafter der Schlimgen Logistics Solutions GmbH, Troisdorf

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